Dialog: Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt

Mit dem Kongress „Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt“ ziehen das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) und die Sozialpartner BDA und DGB Bilanz zum Stand und Fortschritt der Aktivitäten zur Förderung der psychischen Gesundheit in der Arbeitswelt.

Berlin, 16.05.2017 – Auf dem Kongress wurde der Abschlussbericht der BAuA zum Forschungsprojekt „Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt – Wissenschaftliche Standortbestimmung“ veröffentlicht und diskutiert. Die Veranstaltung ist gleichzeitig der Auftakt für den Dialogprozess „Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt“. Gemeinsam mit den Sozialpartnern werden die Befunde der Studie vertieft diskutiert und Schlussfolgerungen für die Gestaltung einer gesundheitsgerechten Arbeitswelt gezogen.

Bundesarbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles:

Flexibilität bei der Arbeitszeit, Druck und Mehrarbeit können krank machen. Fast jede zweite Frühverrentung ist die Folge seelischer Leiden. Durch die Digitalisierung können sich Risiken für psychische Erkrankungen weiter verstärken. Die Studie der BAuA zeigt uns, dass es das eine Patentrezept nicht gibt. Wir brauchen einen Arbeitsschutz 4.0, der neue Risiken einbezieht und bei psychischen Erkrankungen funktioniert. Für viele Risiken haben wir bereits einen guten Rechtsrahmen, der konsequenter umgesetzt werden muss. Das heißt vor allem passgenaue Prävention in den Betrieben. Ich freue mich, dass wir uns in den nächsten Monaten mit den Sozialpartnern intensiv beraten, wie wir den bestehenden Rechtsrahmen besser nutzen können und wo es neuer Antworten durch die Digitalisierung bedarf. Dazu wollen wir gemeinsam bis Ende 2018 klar evaluier- und messbare Ziele vereinbaren.

Alexander Gunkel, Mitglied der Hauptgeschäftsführung der BDA:

Die Arbeitgeber sind im ureigenen Interesse sehr an der psychischen Gesundheit ihrer Beschäftigten interessiert. Arbeit hat meist deutlich positive Wirkungen auf die psychische Gesundheit. Dennoch kann es bei ungünstiger Gestaltung der Arbeitsbedingungen zu Fehlbelastungen kommen. Wir wollen in dem vereinbarten Dialogprozess gemeinsam Wege finden, psychische Fehlbelastungen möglichst zu vermeiden, und hierzu konkrete Umsetzungsschritte vereinbaren. Der Bericht der BAuA zeigt, dass es vor allem darum gehen muss, das Gestaltungswissen auf der betrieblichen Ebene zu fördern. In einer sich zunehmend schnell ändernden Arbeitswelt müssen die betrieblichen Akteure in der Lage sein, die Gestaltung der Arbeitsbedingungen immer wieder betriebsindividuell anzupassen. Starre, pauschale Vorgaben können bei sich ständig wandelnden betrieblichen Anforderungen keine geeignete Lösung sein.

Annelie Buntenbach, Mitglied des geschäftsführenden Vorstands des DGB:

In der digitalen Arbeitswelt verstärken sich Arbeitshetze und -intensität – in allen Branchen. Wie die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse belegen, gefährdet das die psychische Gesundheit der Beschäftigten. Dieses Problem werden wir nur mit mehr Verbindlichkeit in den Griff bekommen. Wir halten deshalb eine Anti-Stress-Verordnung nach wie vor für notwendig. Der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften wollen den Prozess zur Förderung der psychischen Gesundheit in der Arbeitswelt weiter gemeinsam vorantreiben. Deshalb werden wir uns am Runden Tisch beteiligen – unter der Maßgabe, dass die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu arbeitsbedingten psychischen Belastungen schnellstens – spätestens bis Ende 2018 – in wirksame Schritte für die Gesundheit der Beschäftigten umgesetzt werden.

Isabel Rothe, Präsidentin der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin:

Die Gestaltung der Arbeit unter dem Aspekt der psychischen Gesundheit gehört zu den wichtigsten Herausforderungen für einen zeitgemäßen Arbeits- und Gesundheitsschutz. Dabei können wir auf einem gut etablierten System aufbauen. Notwendig ist aber eine wesentliche Erweiterung der Perspektive, indem nicht nur die Gefährdungen sondern auch arbeitsbezogene Ressourcen, also positive Merkmale der Arbeit, in den Blick genommen werden. Hierfür bedarf es einer Weiterentwicklung der Systeme und Vorgehensweisen sowie der Nutzung wichtiger betrieblicher Allianzen.

Der Abschlussbericht zum Forschungsprojekt „Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt – Wissenschaftliche Standortbestimmung“ bietet eine umfangreiche, wissenschaftlich fundierte Übersicht über psychische Belastungsfaktoren bei der Arbeit. Insgesamt konnte die BAuA 22 Faktoren in vier Themenfeldern identifizieren, die die psychische Gesundheit bei der Arbeit beeinflussen. Zu den vier Themenfeldern „Arbeitsaufgabe“ (z. B.Handlungsspielraum), „Arbeitszeit“ (z. B. Erholung), „Führung und Organisation“ (z. B. soziale Beziehungen) und „Technische Faktoren“ (z. B. Lärm) nennt der Bericht zehn Empfehlungen für die Weiterentwicklung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes.

Erhalt und die Stärkung der Psychischen Gesundheit

Der Dialogprozess „Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt“ wird wesentlich getragen vom BMAS, dem DGB sowie der BDA. Die BAuA wird als wissenschaftliche Begleitung und der jetzige Vorsitzende der Nationalen Arbeitsschutzkonferenz (NAK), Herr Kregel, als Schnittstelle zum Arbeitsschutz beteiligt. Der Runde Tisch wird durch einen Steuerkreis, dem auch Entscheidungsträger der Branchenverbände und Einzelgewerkschaften angehören, begleitet. Weitere Gestaltungspartner zur Sicherung der psychischen Gesundheit in der Arbeitswelt (vor allem Unfall- und weitere Sozialversicherungsträger) werden darüber hinaus einbezogen.

Ziel ist es, die betriebliche Umsetzung geeigneter Maßnahmen für den Erhalt und die Stärkung der Psychischen Gesundheit zu fördern. Dabei sollen die zentralen Handlungsebenen Betriebe und öffentliche Verwaltungen, Branchen (Sozial- und Tarifpartner sowie Unfallversicherungsträger), Staat (staatliche Förderung, regulatorischer Rahmen inkl. Aufsichtshandeln) sowie Forschung gleichermaßen in den Blick genommen werden. Alle Partner sehen sich in der Pflicht, hier ihren eigenständigen Beitrag sicherzustellen und haben sich darauf verständigt, im Rahmen des Dialogprozesses evaluier- und messbare Ziele zu vereinbaren.

Den Abschlussbericht „Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt – Wissenschaftliche Standortbestimmung“ können Sie hier abrufen.