Urteil: „Mehrjährige Berufserfahrung“ in Stellenanzeige zulässig

In einer Stellenanzeige stehen häufig die Idealvorstellungen eines Arbeitgebers in Bezug auf den neuen Mitarbeiter. Diese Wünsche entsprechen jedoch meistens nicht dem tatsächlichen Anforderungsprofil für die zu besetzende Stelle. Erhält ein Bewerber dann eine Absage, fühlt er sich schnell ungerecht behandelt.

 

Stellenmarkt mit Stellenanzeigen
Stellenanzeige | Paul-Georg Meister / pixelio.de

Kiel, 30.10.2014 – Das LAG Schleswig Holstein musste klären, ob eine Diskriminierung nach dem AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz) bereits dann vorliegt, wenn der Chef von seinem potenziellen Beschäftigten mehrjährige Berufserfahrung verlangt.

Informatikerin fühlt sich diskriminiert

Eine Frau hatte nach ihrem Informatikstudium unter anderem als Systemprogrammiererin und Softwareentwicklerin gearbeitet und in den Jahren 2012/2013 Weiterbildungen zu den Themen „Java-Webprogrammierung“ und „Apps-Programmierung Android“ absolviert. Die 42-Jährige bewarb sich auf die Stellenanzeige eines Unternehmens, das einen internationalen IT-Versandhandel betrieb und einen erfahrenen Beschäftigten im Bereich der Java-Entwicklung und Programmierung von Online-Shops suchte.

Bei der Online-Bewerbung musste die Frau Alter und Geschlecht angeben, sodass sie sich diskriminiert fühlte, als sie prompt eine Absage erhielt. Das Unternehmen jedoch erklärte, sie nicht wegen des Alters oder des Geschlechts diskriminiert zu haben – der Frau habe einfach die geforderte mehrjährige Berufserfahrung im Bereich der Java-Entwicklung sowie der Programmierung von Online-Shops gefehlt. Die Frau zog daraufhin vor Gericht und forderte eine Entschädigung nach § 15 II AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz).

Zulässige Absage wegen fehlender Berufserfahrung

Das Landesarbeitsgericht (LAG) war der Ansicht, dass der Frau kein Anspruch auf eine Entschädigung zusteht. Schließlich war kein Verstoß gegen das Benachteiligungsverbot ersichtlich. Von einer Benachteiligung nach § 3 I 1 AGG ist unter anderem dann auszugehen, wenn eine Person wegen der in § 1 AGG genannten Gründe – etwa wegen des Alters oder des Geschlechts – eine ungünstigere Behandlung erfährt als eine andere Person in einer vergleichbaren Situation.

Zwar hat die Informatikerin eine Absage erhalten, ohne zuvor zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden zu sein – sie wurde also ungünstiger behandelt, als andere, die eine solche Chance zu einem persönlichen Gespräch bekommen haben. Diese Behandlung erfolgte jedoch nicht in einer vergleichbaren Situation. Die setzt nämlich voraus, dass die Bewerber gleichermaßen objektiv für die zu besetzende Stelle geeignet sind. „Objektiv geeignet“ bedeutet hierbei nicht, dass sie das Anforderungsprofil in der Stellenausschreibung erfüllen müssen, das ohnehin zumeist lediglich die Wunschvorstellungen des Arbeitgebers enthält. Abzustellen ist vielmehr darauf, welche Anforderungen der potenzielle Arbeitgeber an die Bewerber stellen darf, um zu gewährleisten, dass die betreffende Tätigkeit tatsächlich ausgeübt werden kann.

Unter diesem Gesichtspunkt fehlte es der Informatikerin an der objektiven Eignung, denn sie konnte keine mehrjährige Berufserfahrung in den Bereichen der Java-Entwicklung sowie der Programmierung von Online-Shops nachweisen. Allein die theoretischen Kenntnisse, vermittelt durch mehrere Fortbildungen, können eine jahrelange Berufspraxis und Berufserfahrung schließlich nicht ersetzen. Damit die Frau die Tätigkeit hätte ausüben können, hätte sie ihre theoretischen Kenntnisse erst noch vertiefen müssen. Denn oftmals ist – je nach zu besetzender Stelle – eine langjährige Berufserfahrung sogar zwingend nötig, um eine Stelle überhaupt ausüben zu können. Aus diesem Grund ist es nach Ansicht des LAG Schleswig-Holstein zulässig, wenn Arbeitgeber eine mehrjährige Berufserfahrung als Qualifikation verlangen.

(LAG Schleswig-Holstein, Beschluss v. 01.09.2014, Az.: 1 Sa 215/14)

Sandra Voigt

Assessorin

Redakteurin – Juristische Redaktion

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