Geringeres Wirtschaftswachstum im zweiten Halbjahr

Die deutsche Wirtschaft zeigt ein geringeres Wirtschaftswachstum im zweiten Halbjahr. Die weltwirtschaftliche Dynamik bleibt verhalten und das außenwirtschaftliche Umfeld schwierig. Starke positive Impulse für die deutschen Exporte sind derzeit rar. Die Industrieproduktion ist noch zurückhaltend, die Nachfrage scheint aber wieder zuzunehmen. Die Bauwirtschaft befindet sich demgegenüber im Aufwind. Vom Arbeitsmarkt gehen weiterhin positive Impulse auch auf den privaten Konsum aus.

Berlin, 13.10.2016 – Der Aufschwung der deutschen Wirtschaft ist solide. Das Wachstumstempo dürfte aber im zweiten Halbjahr etwas langsamer ausfallen als im starken ersten Halbjahr. Das weltwirtschaftliche Umfeld ist zu Beginn des zweiten Halbjahres von Unwägbarkeiten geprägt. Nach der Brexit-Entscheidung ist der Verlauf des Austrittsprozesses und die Ausgestaltung der wirtschaftlichen Beziehungen zum Vereinigten Königreich nach wie vor ungewiss. Ein wirtschaftlicher Schock für die deutsche Wirtschaft zeichnet sich dadurch aus heutiger Sicht aber nicht ab. Aktuell erschweren Ferientageeffekte eine Interpretation der nationalen Konjunkturindikatoren für die Sommermonate. Es liegt daher nahe, die Berichtsmonate Juli und August zusammen zu betrachten. Die Industrieproduktion war in diesem Zeitraum geringfügig niedriger als im bereits schwachen zweiten Quartal. Die Auftragslage hellte sich aber etwas auf. Die Ausfuhren von Waren blieben jedoch trotz der guten Ergebnisse im August ebenfalls leicht gedämpft. Die Stimmung der Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe hat sich gemessen am ifo-Konjunkturtest nach der Eintrübung im Vormonat aber wieder aufgehellt. Die Grundkonstitution des Baugewerbes bleibt gesund. Die überraschend verhaltene Entwicklung am Arbeitsmarkt zu Beginn des zweiten Halbjahres deutet jedoch auf eine langsamere Gangart im Dienstleistungsbereich hin. Alles in allem dürften die Impulse im zweiten Halbjahr weniger ausgeprägt ausfallen. Die binnenwirtschaftlichen Auftriebskräfte bleiben aber intakt.

Geringeres Weltwirtschaftswachstum

Vor allem das außenwirtschaftliche Umfeld bleibt schwierig und das globale Wachstum zögerlich. Gemessen an der Industrieproduktion ist die Weltwirtschaft nach einer Belebung im zweiten Quartal schwach in das dritte Quartal gestartet. Im laufenden Jahr bewegte sich die industrielle Aktivität in den Industrieländern bislang allenfalls seitwärts, während Impulse vor allem von den Schwellenländern Asiens ausgingen. Insgesamt dürfte das diesjährige Wachstum der Weltwirtschaft etwas geringer ausfallen als im vergangenen Jahr. Der Internationale Währungsfonds geht gemäß seiner Prognose vom Oktober von einem Anstieg des globalen BIP von 3,1 % in diesem und von 3,4 % im Folgejahr aus. In den Vereinigten Staaten hat die Konjunktur im zweiten Quartal leicht angezogen. In Japan fiel das Wachstumstempo nach einer Beschleunigung im ersten Quartal jedoch wieder zurück. Auch im Eurogebiet verlangsamte sich das Wachstum im zweiten Quartal leicht. Die Wirtschaft im Vereinigten Königreich scheint sich weiter relativ robust zu entwickeln. In den Schwellenländern bleibt die konjunkturelle Lage heterogen. Für die rohstoffproduzierenden Schwellenländer zeichnet sich Licht am Ende des Tunnels ab. In den Schwellenländern Asiens bleibt das Wachstum hoch, auch wenn das Expansionstempo abnimmt. Die Abwärtsrisiken im außenwirtschaftlichen Umfeld bleiben angesichts vielfältiger Risiken erhöht.

Export bleibt stabil

Vor diesem Hintergrund sind die Warenausfuhren in jeweiligen Preisen saisonbereinigt im August um 5,4 % im Vergleich zum Vormonat deutlich gestiegen. In den Monaten Juli/August blieben sie aber geringfügig schwächer als im zweiten Quartal. Die Wareneinfuhren nahmen im August um 3,0 % gegenüber dem Vormonat zu und zeigen sich auch in den Monaten Juli/August insgesamt stärker als im zweiten Quartal. Im August ergab sich ein positiver Saldo des Warenhandels in Höhe von 22,2 Mrd. Euro. Der Leistungsbilanzsaldo beziffert sich nach vorläufigen Berechnungen der Deutschen Bundesbank auf 17,9 Mrd. Euro und damit 3,4 Mrd. Euro mehr als im August des Vorjahres. Insgesamt deuten die Wachstumserwartungen für die wichtigsten Handelspartner auf ein nur moderates Wachstum der deutschen Exportmöglichkeiten hin. Allerdings haben sich die Bestellungen aus dem Ausland nach einem Rückgang im zweiten Quartal etwas erholt.

Leichte Belebung im produzierenden Gewerbe

Die Produktion im Produzierenden Gewerbe hat sich im Jahresverlauf bisher nur verhalten entwickelt. Im August konnte die Industrieproduktion zwar kräftig um 3,3 % ausgeweitet werden, insbesondere im Bereich der Investitionsgüter. Dies war die erwartete Gegenreaktion auf den schwachen Juli, der überdurchschnittlich stark durch die diesjährige Lage der Werksferien belastet war. Im Durchschnitt der Monate Juli und August lagen sowohl die Industrieproduktion als auch die Umsätze dennoch leicht unter dem Niveau des zweiten Quartals. Gleichwohl gibt es Signale einer allmählichen Belebung der Industriekonjunktur. So zogen die Auftragseingänge zuletzt etwas an und auch die Stimmung in den Unternehmen hat sich aufgehellt. Die ifo Geschäftserwartungen für das Verarbeitende Gewerbe kletterten im September auf den höchsten Stand seit eineinhalb Jahren. Die Bauproduktion fiel im August etwas schwächer aus als im Vormonat, dürfte sich aber angesichts der anhaltend positiven Rahmenbedingungen und der kräftigen Entwicklung der Auftragseingänge und Baugenehmigungen weiter dynamisch entwickeln.

Einzelhandel profitiert von Kauflaune

Der private Konsum bleibt wichtige Stütze der Konjunktur. Gemäß der aktuellen Herbstprojektion der Bundesregierung werden die privaten Konsumausgaben in diesem Jahr preisbereinigt um 1,7 % zunehmen und damit erneut einen wesentlichen Beitrag zu wirtschaftlichen Entwicklung leisten. Die Umsätze im Einzelhandel sind im August allerdings etwas schwächer ausgefallen als im Vormonat und auch der Kfz-Handel hat etwas an Dynamik verloren. Das Geschäftsklima im Einzelhandel hat sich im September aber wieder spürbar erholt. Die beruhigende Situation am Arbeitsmarkt, der nach wie vor geringe Preisauftrieb, und die gute Einkommensentwicklung – nicht zuletzt auch aufgrund der Rentenanpassungen im Juli – sorgen für eine anhaltend hohe Kauflaune der Verbraucher.

Arbeitslosigkeit sinkt weiter

Der Arbeitsmarkt entwickelt sich weiter positiv, die Entwicklung war aber zuletzt uneinheitlich. Die Erwerbstätigkeit stieg im August auf 43,7 Mio. Personen. Dies bedeutet eine Zunahme um 1,2 % gegenüber dem Vorjahr. Der Aufbau bei der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung war am aktuellen Rand aber unterbrochen. Die registrierte Arbeitslosigkeit sank im September nach der Sommerpause wieder auf 2,61 Mio. Personen, saisonbereinigt blieb sie nahezu unverändert. Die Unterbeschäftigung, die auch Teilnehmer an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen erfasst, steigt seit einigen Monaten leicht an. Im weiteren Jahresverlauf dürfte sich der Rückgang der registrierten Arbeitslosigkeit mit zunehmendem Zugang von Flüchtlingen zum Arbeitsmarkt abschwächen. Die Nachfrage nach Arbeitskräften befindet sich weiterhin auf einem sehr hohen Niveau. Vom Arbeitsmarkt gehen daher weiterhin positive Impulse auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung aus.